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Johann Benjamin Erhard   :   Ausgewählte Werke
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Inhaltsverzeichnis :

  • Mimer und seine jungen Freunde. 1791
  • Mimer und seine Freunde. Ein Dialog. 1793
  • Versuch zur Aufklärung der Menschenrechte. 1793
  • Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet. 1795
  • Ueber das Recht des Volkes zu einer Revolution. 1795
  • Ueber die Medicin. 1795
  • Apologie des Teufels. 1795
  • Brief an Herrn Jean Paul. 1800
  • Ueber höhere Lehranstalten deren Einrichtung und Zweck. 1816
  • Ueber freiwillige Knechtschaft und Alleinherrschaft. 1821

  • Varnhagen von Ense, Karl August (Hrsg.): Denkwürdigkeiten d. Philosophen u. Arztes J. B. Erhard, Stuttgart (J. G. Cotta´sche Buchhandlung) 1830, 541 Seiten. [enthält Tagebuch, Briefe und Aphorismen]. Eine Ausgabe des Münchner DigitalisierungsZentrums. Bayerische Staatsbibliothek.
  • Karl Gutzkow: Johann Benjamin Erhard. Eine Biographie. In: Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur, Balz´sche Buchhandlung, Stuttgart 1836, Neue Ausgabe 1839, 2. Band, Seite 57-66.
  • Eine Sendung des SWR (Titel: Alles angreifen, alles niederreißen --- Autorin: Marianne Thoms) aus dem Jahre 2006 ist als MP3-Datei hier zu finden.
  • To George Washington from Johann Benjamin Erhard, 27 January 1794 : » permalink «


  • ZITATE :
    Ich bin, der ich bin,
    kein anderer hat meine Pflichten,
    kein anderer darf für mich denken.

    Nun belebte mich der Geist von Kants Kritik der reinen Vernunft, der mich anfangs zu töten schien, nun fühlte ich mich erst als denkendes Wesen. Ich fühlte ein neues Leben und Streben in mir, die Gegenstände meines Wissens und Glaubens waren mir bestimmt, und keine fruchtlose Anstrengung verzehrte mehr meine Kräfte.
     
    Mit jeder Erkenntnis, die über die Erfahrung hinausgehen soll, täuschen wir uns.
     
    Dies Jahr ist für mich ein trauriges Jahr (1811). Meinen Freund Herbert verlor ich durch Selbstmord, mein inniggeliebtes Kind verlor ich durch meine Nachlässigkeit, daß ich es meiner Frau zu sehr überließ, und - ich werde Dir das mündlich sagen! - Der Tod dieses Kindes ist das erste Ereigniß meines Lebens, das mich beugte; bisher hatte ich nur die Erfahrung von Kränkung, Aergerniß und Betrübniß, aber gebeugt hatte mich noch nichts - nun ist mir auch dies widerfahren.
     
    Von hier findest du einige Nachrichten im Brief an S. und ich bin zu verdrießlich, diesen mehr beizufügen. Doch auch eine Geschichte, die vielleicht verunstaltet in Journalen gradirt. Hier gab es vorige Woche einen gedoppelten Selbstmord, zwischen einem Herrn von Kleist und der Frau eines Rendanten Vogel. Diese Frau konsultirte mich vor drei Jahren über eine unheilbare Krankheit, die sie auf die Aeußerung eines Arztes haben sollte; ich fand die Sache nicht so schlimm, gab ihr Mittel, und glaubte sie so weit hergestellt, worüber ich auch Professor Froriep, der damals hier war, konsultirte, daß sie nichts zu befürchten hätte; der Mann aber, der eine Abneignung gegen sie bekam, entzog sich ihr, behandelte sie aber mit Achtung. Sie war eine sehr gebildete Frau, vielleicht verbildet, und schien sich in ihr Schicksal zu finden. Da ich sie nun seit Neujahr 1810 nicht mehr besucht habe, so kann ich von ihrem körperlichen Zustande nichts sagen, sie sahe aber sehr wohl aus. An diesem Herrn von Kleist fand sie einen geliebten Freund, der zu ihrer Schwärmerei paßte, der in schlechten Umständen war, und sie beschlossen mit einander zu sterben. Sie führten dies in einem Gasthof zwischen hier und Potsdam aus. Im Freien, in dem Garten hinterm Hause, schoß er sie durch das Herz, und sich durch den Kopf. Daß dieser Kleist ein verschrobener Kopf war, kannst du aus einem Trauerspiel von ihm "Käthchen von Heilbronn" sehen. Diese Geschichte, die nur ein Gegen-stand des Mitleidens sein kann, soll hier von einigen Menschen als eine große That angesehen werden, - wie elend ist unser Zeitalter. Deutschland, du bist gewesen!
     
    Der reichste, vielumfassendste Kopf, den ich je habe kennen lernen, der nicht nur die Kantische Philosophie aus dem Grunde kennt, sondern durch eigenes Denken auch ganz neue Blicke darein getan hat und überhaupt mit einer außerordentlichen Belesenheit eine ungemeine Kraft des Verstandes verbindet. Er ist voll Wärme für Kunst, zeichnet ganz vortrefflich und spielt ebenso gut Musik und ist doch nicht über fünfundzwanzig Jahre alt. (Schiller)
     
    Schiller an Johann Benjamin Erhard :
    Jena, den 8. Sept. [Montag] 94.
    Ich kann den Professor Paulus nicht durch Nürnberg reisen lassen, ohne Sie, mein theurer Freund, mit ein paar Zeilen zu begrüßen. Man sagte mir kürzlich, daß Sie noch da wären, und ich wünsche es von Herzen, weil die gegenwärtigen Aspecten im Oesterreichischen nicht sehr günstig sind. ich fürchte selbst für Herbert, denn ein Mensch wie er muß den Freunden der Finsterniß natürlicher weise ein Dorn im Auge seyn.
    In unserm Musensitze ist alles ruhig, und Fichte ist noch in voller Arbeit, seine Elementarphilosophie zu vollenden. Ich bin überzeugt, daß es nur bey ihm stehen wird, in der Philosophie eine Gesetzgebende Rolle zu spielen, und sie um einen ziemlich großen Schritt vorwärts zu bringen. Aber der Weg geht an einem Abgrund hin, und alle Wachsamkeit wird nötig seyn, nicht in diesen zu stürzen. Die reinste Speculation gränzt so nahe an eine leere Speculation, und der Scharfsinn an Spitzfindigkeit. Was ich biß jetzt von seinem System begreife, hat meinen ganzen Beyfall, aber noch ist mir sehr vieles dunkel, und es geht nicht bloß mir, sondern jedem so, den ich darüber frage.
    In einem Publicum, das Fichte zu gleicher Zeit ließt, hat er sehr herrliche Ideen ausgestreut, die eine Anwendung seiner höchsten Grundsätze auf die Menschen in der Gesellschaft enthalten.
    Das Journal, von dem ich Ihnen schon geschrieben habe, kommt nun ganz gewiß zu Stande, und schon sind, außer Fichte, noch Garve, Engel, Göthe, Herder, Jacobi und mehrere andere als Mitarbeiter beygetreten. Das Honorar ist 4 Ldors. Aber alle politische und Religion betreffende Aufsätze sind durch unsere Statuten ausgeschlossen. Ich hoffe, mein lieber Freund, bald einmal etwas von Ihnen zu erhalten. Nur richten Sie es so ein, daß es für ein Publikum paßt, welches wenig scientifische Kenntnisse mitbringt, und nichts als einen natürlichen Verstand und einen guten Geschmack besitzt.
    Mit meiner Gesundheit geht es weder besser noch schlechter, aber an Thätigkeit fehlt es mir nicht, und der Geist ist heiter. Meine Frau und Schwägerin sagen Ihnen einen freundschaftlichen Gruß. Von ganzem Herzen der Ihrige.
    Schiller.

     
    Mit keinem Sterblichen kann ich so gut laut denken, wie mit Erhard und mit keinem so angenehm, so fröhlich philosophieren. Er ist an Urteilskraft, an philosophischem Geschmack und besonders an philosophischem Witze fast Euch Herren allen, die Ihr Euch auf der von Kant gewiesenen Bahn auszeichnet, weit überlegen. (Jens Baggesen)
     
    Unter allen Personen, die ich bisher noch kennen lernte, wünsche ich mir keinen mehr zum täglichen Umgange, als Sie. (Kant)
     
    Nun beneide ich die alten Zeiten. Beinahe bin ich entschlossen, alle meine Vorsätze, der Welt wichtig zu werden, aufzugeben und nur noch danach zu trachten, mich gemächlich tot zu leben.
     


    Erhard: Johann Benjamin E., Arzt und Philosoph, geb. 1766 zu Nürnberg, 28. Nov. 1827 als Obermedicinalrath zu Berlin, war der Sohn eines Drahtziehers. Trotz bedeutender Anlagen, die den Knaben bereits in seinem 11. Lebensjahr befähigten, Ch. Wolff´s mathematische und philosophische Schriften zu lesen, und trotz guter Fortschritte in den Sprachen unterbrach er doch die Schullaufbahn, um das Gewerbe seines Vaters zu erlernen. Daneben trieb er die Gravirkunst und übte sein Talent für Zeichnen und Musik. Ein innerer Trieb zog ihn aber zu den Studien zurück, denen er als Nebenbeschäftigung so eifrig oblag, daß er in Folge von Ueberreizung drei Jahre lang an epileptischen Zufällen zu leiden hatte. Nach seiner Wiederherstellung dehnte er seine Studien außer auf Sprachen, Mathematik und Philosophie auch auf Naturwissenschaften und Medicin aus. Auf Veranlassung des Arztes Siebold, der ihn kennen und schätzen gelernt hatte, bezog er 21 Jahre alt die Universität Würzburg, um sein Studium der Medicin zum Abschluß zu bringen. Hier verfuhr er als Autodidakt, der sich das Wissenswürdige auf fast allen Gebieten anzueignen wußte. Gleichzeitig machte er, etwa seit 1786, den Uebergang vom Studium Wolff's zu dem Kant´s, das ihn mächtig ergriff, wie er es selbst in seiner 1805 geschriebenen Autobiographie geschildert hat. Er glaubte in der Kant'schen Philosophie nicht nur eine Aufklärung über die wichtigsten Begriffe zu finden, sondern sie diente ihm zur Befriedigung der Interessen seines Gemüthes, er sah in ihr eine Art neuer Religion. Fortan blieb er ein eifriger Kantianer in einer Richtung, die Rosenkranz in seiner Geschichte der Kant'schen Philosophie, Leipzig 1840, S. 296-99 näher charakterisirt. Nach beendeten medicinischen Studien begab sich E. nach Jena, wo damals die Kant'sche Philosophie in hohem Ansehen stand. Hier lebte er im Winter 1790/91 drei Monate lang und trat Nierhammer und Reinhold näher. Er schrieb eine "Prüfung der Reinhold'schen Theorie des Vorstellens", die in Reinhold's Schrift: "Ueber das Fundament des philosophischen Wissens", Jena 1791, S. 141 ff. zu finden ist. Auch war E. dem Schiller´schen Hause befreundet. Für Schiller's Thalia schrieb er "Mimer und seine Freunde", einen freundschaftlichen Brief an Charlotte v. Schiller hat Urlichs in "Charlotte Schiller" III, S. 95 veröffentlicht. Von Jena ging E. über Göttingen, Kopenhagen, wo er von Reinhold empfohlen zu Baggesen in Beziehung trat, über Memel nach Königsberg, um Kant persönlich kennen zu lernen. Kant fand an seinem heitern und reinen Temperament ein so großes Wohlgefallen, daß er zu ihm äußerte: "Unter allen Personen, die ich persönlich noch kennen lernte, wünschte ich mir keinen mehr zum täglichen Umgang, als Sie." E. verehrte Kant fortan als seinen geistigen Vater. (Vgl. Schubert, Biographie Kant's, S. 111. 114. Der spätere Briefwechsel zwischen E. und Kant steht Kant's Werke ed. Hartenstein VIII. S. 787 ff.) Nachdem E. von Königsberg nach Wien gegangen war und noch Oberitalien besucht hatte, promovirte er zu Altorf und ließ sich dann als praktischer Arzt in Nürnberg nieder. Er fand jedoch in der Praxis zunächst nur geringen Erfolg und wandte sich deshalb schriftstellerischen Arbeiten zu. In Wieland´s Merkur veröffentlichte er 1793 den Aufsatz "Ueber die Alleinherrschaft". Er erschien in neuer Bearbeitung 1821 in Berlin als besondere Schrift u. d. T. "Ueber freiwillige Knechtschaft und Alleinherrschaft; über Bürger-, Ritter- und Mönchthum". - In Snell's Phil. Journal 1793, 4. Stück erschien: "Versuch zur Aufklärung über Menschenrechte". - Fichte´s und Niethammer's philosophisches Journal brachte außer einer Recension: 1795, I. 2. 1 eine "Apologie des Teufels"; 1795, II. 4. 1 "Ueber das Princip der Gesetzgebung". - In Wagner's Beiträgen zur philosophischen Anthropologie, Wien 1794. 96, findet sich ein "Versuch einer systematischen Eintheilung der Gemüthskräfte"; ein Versuch "Ueber Narrheit und ihre ersten Anfänge", und "Ueber die Melancholie". [201] Während Schiller's Krankheit schrieb E. für den historischen Kalender ein "Leben Newton's", 1794, Schiller's Horen brachten 1795, 7. Stück, "Die Idee der Gerechtigkeit als Princip aller Gesetzgebung betrachtet". - Als eigene Schrift erschien: "Ueber das Recht des Volkes zu einer Revolution", Jena 1794. - Im J. 1797 erhielt E. durch Hardenberg, damals preußischen Minister in Ansbach und Baireuth, eine Anstellung in Ansbach, siedelte aber 1799 nach Berlin über und eröffnete hier eine sehr erfolgreiche Praxis. Er schrieb noch: "Theorie der Gesetze, die sich auf das körperliche Wohlsein der Bürger beziehen", 1800; "Benutzung der Heilkunde zum Dienst der Gesetzgebung", 1802; "Ueber die Einrichtung und den Zweck der höheren Lehranstalten", 1802. Im J. 1817 wurde E. Mitglied der Oberexaminationscommission, 1822 Obermedicinalrath.
      Varnhagen v. Ense, Denkwürdigkeiten d. Philosophen u. Arztes J. B. Erhard, Stuttgart 1830, wieder abgedruckt in Varnhagen's Denkwürdigkeiten und vermischten Schriften, Mannheim 1837. I. S. 230 ff., enthält Tagebuch, Briefe und Aphorismen. - Gutzkow, Beiträge zur Geschichte der neuesten Litteratur. Stuttgart 1836. II. 57-66. Schiller-Körnerscher Briefwechsel II. 240. - H. M. Richter, Geistesströmungen, 1875. S. 307 ff.
    Richter.
      Artikel "Erhard, Johann Benjamin" von Arthur Richter in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 6 (1877), S. 200-201.

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